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Der fünfte Tag beschert mir wieder strahlend blauen Himmel und ich fahre früh aus Urbino ab, um die Morgenkühle (das sind immerhin noch 26 Grad) zu nützen. Jetzt steht der Apennin am Programm. Die Gegend bleibt bergig, die Sprint läuft gut. In einer Serpentine hinauf Richtung Fossato di Vico plötzlich ein lauter Knall, und das Heck der Vespa bricht aus. Mit dem schweren Gepäck hinten drauf habe ich alle Hände voll zu tun, um einen Sturz zu vermeiden. Unter großen Anstrengungen (viel Gewicht, bergauf, zerrissener Hinterreifen) schiebe ich das Fahrzeug in eine kleine Nische bei einer alten Hütte. Was ist da passiert? Ein Blick auf den Reifen zeigt, dass er bis auf die Karkasse abgefahren ist. Ein Stollenreifen, der in Wien noch tadellos ausgesehen hat. Hitze plus hohes Gewicht und italienischer Asphalt (mit Granitsplittern) hat ihm in kurzer Zeit den Rest gegeben. Glücklicherweise habe ich ein Reserverad dabei und kann die Fahrt fortsetzen. Wobei das Starten wieder lange dauert und ein neuerliches Zerlegen notwendig macht. Scheinbar holt mich das alte Problem vom Predilpass wieder ein, denn schon am Vorabend in Urbino sprang sie mir im warmen Zustand nicht mehr an. Die Lösung, sie beim Starten leicht nach links zu kippen, hilft auch nicht immer.

022 RomGS kl
Spanische Treppe in
der Mittagshitze
019 RomGS kl
Antonio, der umbrische Bauer
und mein Retter in der Not
 
020 RomGS kl
Hier das nette Pärchen, das mir
den Weg nach Ciampino zeigt
024 RomGS kl
Reiches Angebot im Café
Sant Eustachio in Rom
 

So fahre ich über den Apennin nach Umbrien, durch eine sonnenverbrannte Gegend, und ich bin heilfroh über die Airflow-Jacke, die eine Fahrt bei knapp 40 Grad erträglich macht. Die Straßenschilder zeigen mir, dass ich auf der alten Römerstraße Nummer 3, der „Flaminia“, unterwegs bin, und sie soll mich direkt bis nach Rom führen. Zumindest taucht das als Vision immer deutlicher auf. Dafür muss aber nicht nur ich durchhalten, sondern auch die Vespa. Und das wird leider immer unwahrscheinlicher, weil sich die Startschwierigkeiten häufen.

Irgendwo hinter der uralten Stadt Narni, die übrigens genau die geografische Mitte Italiens bildet, rolle ich bei einer Tankstelle aus. Die Vespa nimmt fast kein Gas mehr an, und auch ich bin mit den Nerven fertig. Was ist da los? Wieso funktioniert der Motor immer schlechter und jetzt gar nicht mehr? Ich beginne wieder mit dem Zerlegen: Sturzbügel runter, Backe runter, Vergaserwannendeckel runter, Luftfilter runter – aber es ist nichts zu erkennen. Liegt es an der Benzinzufuhr? Oder an der Hitze? Ich komme zu keinem Ergebnis und beschließe, einfach weiterzufahren. Ich habe nur noch 50 Kilometer bis Rom, es hätten aber auch 500 sein können. Was soll’s, ich fahre einfach so weit, wie ich komme.

Zur Motivationssteigerung rufe ich vorher noch in der kleinen Pension Casa Gianna in Ciampino an und bekomme Michele ans Telefon, der ein wenig Englisch spricht. Mit meinen Brocken Italienisch können wir uns verständigen, und ich erkläre ihm, dass es noch nicht sicher ist, ob ich es bis Rom schaffen werde. Er verspricht mir, ein Zimmer frei zu halten. Das gibt mir neue Kraft und ich starte die Vespa. Nach kurzer Zeit beginnt sie wieder schlechter zu laufen, im vierten Gang kein Gas mehr anzunehmen, dann im dritten, und dann ist es endgültig aus.
032 RomGS kl
Die Via Appia Antica
an ihrer einzigen Kurve
034 RomGS kl
Das Ziel ist erreicht:
Picknick auf der Appia Antica
 

Ich rolle an den Straßenrand und stehe in der gleißenden Sonne ohne jede Hoffnung, nach Rom zu kommen. Ich beschließe, die Vespa zu einem alten Bauernhof zu schieben, an dem ich kurz zuvor vorbei gekommen bin. Dort habe ich ein Flugdach gesehen, das Schatten verspricht.

Plötzlich taucht Antonio auf, ein alter umbrischer Bauer, mit ein paar frisch gepflückten Melanzani im Arm. Er ist die Rettung, denn er bringt mich von meiner Verzweiflungsebene wieder runter. In aller Ruhe bringt er mir eine Flasche Wasser und bittet mich, die Vespa zu starten. Dann hört er auf den Klang und spricht mit seiner Umbrischerbauervespaerfahrung die Worte „carburatore“ und „aero“ (Vergaser und Luft). Ich zerlege noch einmal (das wievielte Mal an diesem Tag? Ich weiß es nicht mehr) und entdecke plötzlich den Schaden: Es hat den Schwimmerkammerdeckel abgesprengt und dieser hat eine Schraube samt Gewinde herausgerissen. Die andere Schraube hält noch einigermaßen, und so kann ich den Deckel wieder fixieren. Das erklärt natürlich alles, auch den gestiegenen Spritverbrauch.

Mit frischem Mut mache ich mich wieder auf den Weg und sehe im Rückspiegel, wie mir Antonio freundlich zum Abschied zuwinkt, bis er langsam kleiner wird und verschwindet. Die Vespa läuft besser denn je, und so fegen wir beide nach Rom. Nach einer abenteuerlichen Stadtdurchquerung am Freitag am frühen Abend, bei der ich all meine Sünden abbüße, erreiche ich schließlich Ciampino, wo Michele schon auf mich wartet. Zum Schluss möchte ich noch den besten Tipp punkto exzellentes Essen geben: Die Trattoria „I Belloni“ (www.belloni.it) stellt die köstlichsten Pastagerichte zu plausiblen Preisen auf den Tisch.

035 RomGS kl
Die Ersatzteile – wohl
dem, der sie mit hat
036 RomGS kl
Das Werkzeug für
2800 Kilometer Fahrt
 

Tags darauf besuche ich Rom und bereite mich auf den übernächsten Tag vor, der mich an mein wirkliches Ziel bringen soll. Die Vespa hat sich jetzt zwei Ruhetage verdient und ich fahre mit der Bahn in die Stadt. Eines meiner Ziele ist ein Kaffee im legendären Caffè Sant’Eustachio (http://santeustachioilcaffe.it), wo ich ganz ohne Stress eine ruhige Stunde verbringe – sofern man in Rom von Ruhe sprechen kann.

Der Sonntag verspricht ebenfalls wolkenlos und heiß zu werden, aber mich kann nichts mehr von meiner Wanderung auf der Via Appia Antica abhalten. In der Früh kaufe ich mir bei einem Alimentari zwei Panini mit Mortadella und eine Flasche Mineralwasser (eher drei) und mache mich auf den Weg. Die Appia Antica ist ein 18 Kilometer langes Museum, und ich will sie komplett durchwandern. Sie beginnt beim Circus Maximus mitten im Herzen Roms und führt eigentlich über 500 Kilometer weit bis Brindisi. Die schönste Strecke ist natürlich der Beginn bis zum Ort Frattocchie. Bis dahin verändert sie ständig ihr Aussehen und ist weitgehend vom Autoverkehr befreit. An einigen Stellen geht man noch über die mehr als 2000 Jahre alte Pflasterung und kann die Spurrillen der Ochsenkarren sehen, die hier vor langer Zeit entlang gefahren sind. Je weiter man wandert, desto ländlicher wird die Szenerie. Die Appia Antica hat eine ganz eigene Ausstrahlung, ich kann die Wanderung nur jedem empfehlen.039 RomGS Buchcover kl

Zu Mittag ist es Zeit zu rasten. Ein junges Pärchen macht das „Zielfoto“, ich bin am Ort meiner Sehnsucht angekommen. Das Picknick bringt mich einen kurzen, aber wunderschönen Augenblick zurück in meine Jugend, und ich weiß: Es war gut, das Abenteuer mit der Vespa nach Rom zu fahren, zu wagen. Ich möchte allen Helferinnen und Helfern danken – ohne sie hätte ich es nicht geschafft. Und auch die treue Vespa Sprint hat durchgehalten und es mir ermöglicht, meinen Traum zu leben.





Die vollständige Rom-Geschichte findet sich in Guido Schwarz zweitem Vespa-Buch „Vespa – Geschichten von Wien bis Rom“, zu beziehen entweder in Scooter Shops, auf www.motorbox.at oder direkt auf www.guidoschwarz.at



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FINDE ICH GUT
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