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KTM, der junge und dynamische Motorradhersteller in Mattighofen, steigt mit einem Mopedroller namens Mecky ins Mopedgeschäft ein. Das Fahrzeug stammt aus der Feder des genialen österreichischen Motorenkonstrukteurs „Mister Vierventil" Ludwig Apfelbeck, der unter anderem auch bei BMW die Motoren der Rekordwagen konstruierte. Apfelbeck verwirklicht innerhalb von nur vier Wochen (!) das Wunschprojekt des Firmeninhabers Hans Trunkenpolz. Das Mecky-Moped ist gemäß der ursprünglich geltenden Gesetzeslage einsitzig konstruiert, es hat ein Zentralrohr-Fahrgestell mit zwei Langarmschwingen für Vorder- und Hinterrad sowie einen eigenständigen Apfelbeck-Motor.

Das Fahrzeug kommt 1957 vom Reißbrett auf die Straße – und flopt. Mit der kurz darauf folgenden Möglichkeit der zweisitzigen Zulassung wird das Moped grundlegend umkonstruiert. Das „KTM Mecky" ist mit Doppelsitzbank und zwei Zusatzfedern für das Hinterrad ausgestattet. Angetrieben wird es vom bewährten Sachs-Motor (Lizenzfertigung durch Rotax). Doch auch dieser Mopedroller entspricht nicht den Erwartungen, welche die vorwiegend junge Käuferschicht inzwischen als Maßstab anlegt. Erst das 1960 eingeführte KTM Ponny I schlägt sensationell ein. Mit äußerst ansprechender Optik, bequemer Doppelsitzbank und dem robusten Sachs-Motor wird es schnell zum Verkaufsschlager.

Ponny II mit freiem Durchstieg schafft dann den großen KTM-Erfolg
Ponny II mit freiem Durchstieg
schafft dann den großen KTM-Erfolg
Sissy-Hommage in Fritz Ehns Zweiradmuseum in Sigmundsherberg
Sissy-Hommage in Fritz Ehns
Zweiradmuseum in Sigmundsherberg

Der im Jahr 1962 folgende Mopedroller Ponny II,
der in seinen Dimensionen auf den Zuschnitt der Wohlstandsbürger in der Wirtschaftswunderzeit angewachsen ist und zum Unterschied vom Ponny I einen freien Durchstieg aufweist, ist dann der Dauerbrenner schlechthin. Generationen von Fischern, Schrebergärtnern und Kleintierzüchtern leben mit ihm. Erst im Jahr 1986 kommt das Aus für den in Österreich am längsten gebauten Mopedroller. Der Ponny-II-Kleinroller ist auch ein Thema in Deutschland: Es gibt Lizenzfertigungen bei Hercules, Gritzner und Kayser. Dass dabei Badge-Engineering in einer frühen Form betrieben wird, liegt auf der Hand – denn in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren ist es bereits viel billiger, die Fahrzeuge am Fließband bei KTM in Mattighofen fertigen zu lassen und dann lediglich mit den Firmenemblemen der deutschen Hersteller zu versehen.

Baukastenprinzip: Modell Sissy I von Lohner
Baukastenprinzip:
Modell Sissy I von Lohner
Einen gänzlich anderen Zugang zum Thema Moped hat die Wiener Firma Lohner, die seit 1950 Motorroller baut. Thomas Lohner, der Sohn des damaligen Firmenchefs Richard Lohner, erzählte mir die Geschichte so: Sein Vater sah am Abend immer die Lehrlinge, die in der Lohner Waggon-, Karosserie- und Rollerfertigung tätig waren, mit ihren Puch-, HMW- oder sonstigen Mopeds wegfahren und dabei saßen oft ihre – zumeist weiblichen – Kollegen hinten auf. Was ja in Österreich bis zum Jahr 1957 illegal ist. Da Richard Lohner jedoch mit dem untrüglichen Blick fürs Wesentliche den Bedarf für einen legalen zweisitzigen Betrieb eines Mopeds erkennt, schöpft er als Großindustrieller alle Mittel aus, um eine Gesetzesnovelle für den zweisitzigen Betrieb von Mopeds herbeizuführen. Die anderen österreichischen Marken sind ebenso an dieser Gesetzesänderung interessiert, in erster Linie Puch und KTM.

Das neue Gesetz besagt, dass ein zweisitziges „Motorfahrrad" (wie die korrekte gesetzliche Bezeichnung für Moped lautet) „eine Sitzgelegenheit für jede Person, einen festen Haltegriff für den Beifahrer und ein Paar Pedale pro Person" haben muss. Das auf der Wiener Frühjahrsmesse 1957 präsentierte Produkt von Lohner trägt den Namen „Sissy" (eine Anlehnung an die populären Sissy-Filme mit Romy Schneider und Karl-Heinz Böhm), es ist von Haus aus für zwei Personen konstruiert und technisch innovativ wie kein anderes: Das Rückgrat des Sissy-I-Mopeds (wie es heute infolge der dadurch ausgelösten Modellreihe genannt wird) besteht aus einem aus zwei Blechpresshälften gefertigten Zentralrohrkörper, der an der Unterseite den Motor aufnimmt und oben den eigentlichen Benzintank trägt. Auf diesem Benzintank thront die Doppelsitzbank für zwei Personen. Vorderrad- und Hinterradschwinge (sowie teilweise der Mittelständer) sind ebenfalls mit Blechpresstechnik gefertigt, sie weisen eine dreifache Federbeinaufnahme zur Verstellung der Federhärte auf und sind baugleich. Das Lohner Sissy I ist das erste Moped, das im Baukastenprinzip gefertigt wird. Die Moped-Grundausstattung kann auf Kundenwunsch mit Gepäckträger, „Gepäcktank", Blechschürze samt Trittbrettern sowie mit einer Bugverkleidung zum komfortablen Mopedroller ausgebaut werden.

Die Sissy S erscheint 1963 und ist gleichzeitig der letzte Lohner Mopedroller
Die Sissy S erscheint 1963 und ist
gleichzeitig der letzte Lohner Mopedroller
Als Triebwerk dient der 50-Kubik-Sachs-Motor mit Gebläsekühlung. Der Grundpreis des Lohner-Sissy-Mopeds in der einfachsten Ausführung beträgt im Jahr 1957 3790 Schilling, als zweisitzige Luxusversion mit Bughaube 5691 Schilling. Es liegt also in der Hand des Kunden, wie weit sein Sissy-Moped zum Mopedroller wird. Das Konzept ist ein enormer Erfolg: Von 1957 bis 1959 werden 30.000 Exemplare verkauft.

Warum es dann im Jahr 1960 völlig unmotiviert zum Verkaufsflop Sissy 60 (oder Sissy II) kommt, kann nur mit der Vorliebe des Firmeninhabers für den Karosseriebau oder vielleicht mit der Notwendigkeit der Auslastung der Blechpresserei erklärt werden. Denn in die badewannenförmige Karosserie des martialisch aussehenden Sissy-II-Mopedrollers muss das Hinterrad mit einer Art „Fahrschemel" eingebaut werden. Dass man damit nur eine sehr schlechte Zugänglichkeit zum Motor hat, versteht sich von selbst. Diese Blechbanane mit der serienmäßigen Bughaube dreht alle Vorteile der von Oberingenieur Hladik geschaffenen Sissy I – wie leichte Zugänglichkeit zu den Verschleißteilen, Servicefreundlichkeit und klare Baugliederung – ins Gegenteil um.

1961 folgt eine weitere Karosserieänderung beim Modell Sissy 61 (in der Typologie Sissy III), bei der auf Kosten einer geschmäcklerischen „Verschönerung" sogar der Benzintank unter einer Verkleidung verschwindet. 1963 kommt endlich mit dem Modell Sissy S (Sissy IV) das von den Puristen heiß ersehnte Revival der klassischen Sissy-Idee: Es bleibt die Scheinwerfermaske der Sissy III, aber der alte Zentralrohrrahmen lebt (allerdings als simples Rundrohr) wieder auf. Doch es ist bereits zu spät: Der Lohner-Mopedbau wird im Jahr 1963 eingestellt, der Sissy-S-Mopedroller ist heute die Blaue Mauritius unter den Sammlern. Marktführer Puch kommt – ein bisschen spät – erst 1958 mit dem Mopedroller DS 50 auf den Markt. Doch das ist eine andere Geschichte.

Ein Sissy-I-Prototyp, die Dame trägt den „Gepäcktank“
Ein Sissy-I-Prototyp, die Dame
trägt den „Gepäcktank“
HMW setzt auf den Schlagerstar Conny Froboess
HMW setzt auf den Schlagerstar
Conny Froboess
So sehen die Messestände der Wirtschaftswunderzeit aus
So sehen die Messestände der
Wirtschaftswunderzeit aus

Zeitgenössische HMW-Reklame
Zeitgenössische
HMW-Reklame
Die neuen Mopedroller sollen auch die Weiblichkeit ansprechen. Zum Beispiel der seltene Maya-Mopedroller
Die neuen Mopedroller sollen auch die Weiblichkeit
ansprechen. Zum Beispiel der seltene Maya-Mopedroller



„AUF ZWEIRÄDERN INS WIRTSCHAFTSWUNDER“
„Auf Zweirädern ins Wirtschaftswunder“

Als Erfindungsgeist und Optimismus den Lebensalltag einer ganzen Generation prägten: „motomobil"-Vintage-Autor Fritz Ehn präsentiert in seinem im Jahr 2006 im GeraMond-Verlag erschienenen Buch „Auf Zweirädern ins Wirtschaftswunder" mit einzigartigen zeitgenössischen Fotos den zweirädrigen Lebensstil der Nachkriegszeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Lagernd bei Bestseller im SCS Multiplex, 2334 Vösendorf, Tel.: 02236/614 22, Online-Bestellung auf www.bestseller.co.at und www.motorbox.at oder direkt vom Autor im Österreichischen Motorradmuseum in Sigmundsherberg zum Sonderpreis von € 15,– (statt € 30,80); www.motorradmuseum.at


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