landpartie 3
MIT DEM PEDELEC DURCHS STEIRISCHE ALMENLANDText & Fotos: Michael Bernleitner
ALMO UND ICHUnd immer ein paar Wattstunden in Reserve ...![]() Kuhglockengeläut in aller Herrgottsfrüh. Direkt unterm Zimmerbalkon. Der Almo steht da! Schwer, unübersehbar, selbstsicher, und er fordert ganz dringend von seinem Gast, endlich aus der Matratze zu springen und die herrliche Landschaft zu erkunden und zu genießen. Kalte Morgenluft, kristallklar und würzig, riecht eindeutig nach Alm. Die letzten Nebelschwaden unten in den Tälern lösen sich bald auf, stahlblauer Himmel über dem Almo und dem Zimmerbalkon verspricht den Tag der Tage. Urlaubstag im steirischen Almenland. Auch der Gast verspricht sich den Tag der Tage: Mit vollen Batterien ist gut lachen. Denn wir kommen nicht unvorbereitet. Im Gepäck und später im Fahrrad ist der neue Trinkflaschen-Akku von Herrn Ernst Justs innovativer E-Bike-Schmiede in Gerasdorf, der kein ganz gewöhnlicher Trinkflaschen-Akku ist: LiFePO4-Technologie, pralle 400 Wattstunden mit einer Energiedichte von 620 Wattstunden pro Liter, kostet immerhin die Kleinigkeit von 768 Euro. Damit kann man die 43-Kilometer-Mountainbike-Drachentour im Almenland (deren Steigungen nicht von schlechten Eltern sind) locker aufrollen – wenn man nicht den Elektromotor die komplette Arbeit machen lässt, sondern herzhaft dazutritt. Niedrigster Punkt 445 Meter, auf der Tyrnauer Alm kommt man immerhin auf 1330 Meter Seehöhe. Seit 2006 ist man hier Naturpark mit geschützter Kulturlandschaft, seit neuestem will man auch elektrische Pionierregion sein. Weil das momentan ganz viele Regionen in Österreich und in Europa sein wollen, genügt es mittlerweile nicht mehr allein, ein paar touristische Verleihstationen für Segways oder Elektrofahrräder hinzustellen. Das ehrgeizige Naturpark-Konzept sieht vor, bis zum Jahr 2020 CO2-neutral und energieautark zu sein. In den zwölf Almenland-Gemeinden soll schon lang vorher eine Flotte von 600 Elektrofahrzeugen unterwegs sein. Ein riesiger Echtzeit-Test, dessen Erkenntnisse über Aufbau einer Infrastruktur und Verwendung der E-Vehikel im Alltag richtungsweisend sein wird: 13.000 Einwohner leben ständig hier; der Naturpark mit einer Flache von 250 Quadratkilometern (nur 40 Kilometer nördlich von Graz) ist das größte zusammenhängende Almweidegebiet Europas. Zwischen 3000 und 4000 Almos – der Almochse ist eines der schmackhaften Markenzeichen der Region – dürfen hier zwei Sommer verbringen, dann geht's auf den Teller. Da steckt einiges an Logistik dahinter. Energieautark? Der Verbund als Strompartner sieht enormes Potenzial in den über 150 bekannten privaten Kleinwasserkraftwerken im Umkreis, von denen nur mehr wenige in Betrieb sind und die reaktiviert werden sollen. Ist unterm Strich umweltverträglicher als Photovoltaik und alles andere. Ein gewisser Mut gehört zum Projekt: Im steirischen Almenland wird's im Winter – allein schon durch die Höhenlage – bitterkalt, und es geht andauernd bergauf, bergab, sehr oft sehr steil. Wahrlich keine Idealbedingungen für Elektromobilität – wenn's hier funktioniert, dann funktioniert es wahrscheinlich überall in Österreich.
Als Ausflügler kann man an fünf Verleihstationen Elektrofahrräder der Schweizer Qualitätsmarke Flyer stunden- oder tageweise mieten, an diesen Stellen und an weiteren drei Akkuwechsel-Stationen können die Akkus kostenfrei gegen voll geladene ausgetauscht werden. Damit gelingt das Unglaubliche: Mit ein bisschen Planung schlägt man den Bergaufstücken und der elektrischen Reichweite ein Schnippchen und kommt mit dem Pedelec durchs Almenland. Und natürlich wieder retour. Nach der empfehlenswerten Drachentour am hochkarätigen El-Cycle Mountainbike muss am nächsten Tag sofort ein Mietfahrrad probiert werden. Auf der Sommeralm steht auf 1400 Meter Seehöhe eines der höchstgelegenen Windräder Europas, 350 Haushalte werden dadurch stromversorgt. Von der Teichalm kommend ist der letzte Straßenanstieg zur Sommeralm ultrasteil – auch auf der höchsten Unterstützungsstufe des 250-Watt-Panasonic-Mittelmotors darf hier ordentlich pedaliert werden, aber das Flyer C-Serie schafft das Kriterium. Die extrem feinfühligen Pedelec-Sensoren modulieren die E-Unterstützung ganz hervorragend, außerdem sprechen sie sofort an: Sogar Anfahren bergauf ist ein Kinderspiel, gleich beim ersten Druck aufs Pedal kommt sanfte, einschätzbare Unterstützung. So stellt man sich einen ausgereiften Pedelec-Antrieb vor. Bergab macht die C-Serie weniger Freude, denn die Rollenbremsen sind alles andere als fadingfrei: 60 km/h können kurz vor der Haarnadel unterhalb der Sommeralm locker erreicht werden, danach sind die Kühlrippen heiß und die Bremswirkung ist spürbar geringer. Will man sich den Fahrtwind um die Ohren brausen lassen, ist eindeutig die Miete eines Flyer S-Serie mit Scheibenbremsanlage ratsam, das auch für moderaten Geländeeinsatz geeignet ist. Themenwege, Handwerk, Kulinarik und Almhütten, Erlebnisparks, Ausstellungen – der Naturpark Almenland ist vollgepackt mit prächtigen Ausflugszielen für E-Bikes. Die „motomobil"-Redaktion kann zum Beispiel eine erprobte Tagesrunde zum Silberbergwerk in Arzberg ans Herz legen, wo der reifende, aus Heumilch oder Almmilch gemachte Stollenkäse von den Affineuren hingebungsvoll mit Salzwasser und Rotwein gestreichelt wird; Akkuwechsel im Gasthof Schrenk in Passail; riechen, schmecken, staunen und nützliche Dinge mitnehmen im fabelhaften Heilkräutergarten von Gabriele Reiterer (alle Adressen im Info-Kasten); 150 summende Bienenvölker besuchen bei einem Einkauf oder einer lehrreichen Führung in der traumhaft gelegenen Almenland-Imkerei von Karl Krainer. Nach Alm-Spa und Gaumenfreude-Abendstärkung am nächsten Tag aufwachen, wenn der Almo wieder unterm Hotelbalkon steht und uns abholt.
Tel.: 03179/230 00.
Fisch frisch auf der Alm? Gibt’s in hervorragender Qualität im Fladnitzer Gasthof Donner, wo die aus dem eigenen Quellwasserteich geholten Forellen auf den Tisch kommen; 8163 Fladnitz 50, Tel.: 03179/232 17; www.gasthof-donner.at. Die besten Almenlandprodukte und andere feine Sachen aus der Steiermark serviert Küchenchef Stefan Eder im Hotel Eder in St. Kathrein, außerdem ist das Haus für seine vorzügliche Patisserie bekannt; Offenegg 3, 8171 St. Kathrein, Tel.: 03179/82 35-0; www.wohlfuehl-hotel.at
Ebenfalls in Passail der Xundgarten von Gabriele Reiterer mit zahllosen Heilkräutern, Verkauf von Kräuterseifen, Kräuter-Wellnessprodukten, Teespezialitäten, Keramik, handgefertigten Körben; Hart 68, 8162 Passail, Tel.: 0664/355 49 31; www.atelierderxundheit.at. Der erst vor wenigen Monaten in Betrieb genommene Silberbergwerkstollen in Arzberg ist der optimale Platz für die Reifung des geschmacksintensiven Almenland Stollenkäses, Führung mit Verkostung ab 4,50 Euro; Arzberg 104, 8162 Passail, Tel.: 03179/274 72-0; www.almenland-stollenkäse.at. Über die Webseite www.almenland.at kann man Almenlandspezialitäten komfortabel im Online-Shop bestellen.
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