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EINE AMERIKANISCHE ROLLER-DYNASTIE – DIE FAMILIE KHATTERText: Andreas Amoser
Illustration: Oskar Kubinecz BAGHDAD BATTERYNach langem Kopfschütteln, wiederholtem Test der Anlage und einem halben Dutzend Prüfstandsläufen trägt der Polizei-Techniker unglaubliche 56 Kilowatt in den Akt des beschlagnahmten E-Mopeds ein
zum Autor ANDREAS AMOSER ist als „motomobil“-Korrespondent in Kalifornien – dem Pionierland bei alternativen, umweltfreund-lichen Antrieben – stets am Puls der neuesten Technologie. Umso mehr, als er von dunkler Vergangenheit geplagt wird: In seiner schwierigen Jugend fuhr Kollege Amoser die größten V8-Ungeheuer und die brüllendsten Zweiräder. Seine regelmäßigen Briefe aus Amerika dürfen wir als Zeichen tätiger Reue gelten lassen
Von Seite des Gesetzgebers wurde mit der Mopedverordung (nachzulesen in „motomobil" Folge 001 oder auf www.motomobil.at) eine Spielwiese für elektrische Verkehrssünder geschaffen: Bis zu einem kW Leistung (1,4 PS) und 20 Meilen pro Stunde Höchstgeschwindigkeit wird weder nach Führerschein noch Nummerntaferl gefragt. Einzige Auflage ist ein Fahrradhelm. Billige Asienroller bekommt man für wenige hundert Dollar auf eBay oder im Department Store, gebrauchte Hochampere-Batterien, Motoren und Inverter praktisch an jeder Straßenecke. Mit Ausnahme der Steuerelektronik ist das Hinterhoftuning für Elektroroller um ein Eck billiger als der 73-Kubik-Kolbenkit fürs Postlermoped. Und das ohne verräterische Geräuschentwicklung samt Rauchwolke. Wenn jemand die Nachhaltigkeit des elektrischen Hinterhofes anzweifelt – macht es wirklich einen Unterschied, ob man nach zwei erfüllenden Kilometern mit einem kapitalen Motorschaden oder mit durchgebrannten Wicklungen dasteht? Nach einer Studie des amerikanischen Automobilclubs gibt es allerdings einen deutlichen Unterschied zwischen öligen und elektrischen Tätern: Während der Verbrennungsvandale sein Glück außerhalb dichter Besiedlung sucht, fühlt sich der Elektropunk im Zentrum des Getümmels am wohlsten. Vermehrt werden Gehsteige, Einkaufsstraßen und Durchhäuser in die Routenplanung miteinbezogen. Auf diese Weise erlangte der E-Moped-Club „Free Bees" nach apokalyptischen Exzessen im Fashion District mediale Berühmtheit: Das Modeviertel der Engelsstadt, südlich des alten Stadtzentrums, ist ein zusammengewürfelter Fetzenmarkt, der sich aus Holzständen, basar-ähnlichen Hausdurchgängen und größeren Geschäften zusammensetzt. Mittendrin schreien mobile Limonadeverkaufer und hinter jedem Eck lauert ein Imbissstand mit ständig wechselnder Anordnung von Tischen und Sesseln. Bewegliche Schikanen sozusagen. Erstes Opfer der laut Zeugen „aus dem Nichts auftauchenden" E-Partie sind drei aufeinandergestapelte Kartons mit motorbetriebenen Spielzeugtieren. Kartons, Hasen, Affen, Enten, Känguruhs und Katzen fliegen durcheinander, begleitet vom sirenenartigen Geheul der kleinen Estella, die mit dem Verkauf der plüschigen Ware betraut ist. Nun gibt es für den guten Amerikaner keinen größeren Notfall als ein schreiendes Kind. Vielleicht der Grund für die hohe Zahl schwer gestörter und gewaltbereiter Halbwüchsiger hierzulande. Wenn das schreiende Kind dann auch noch vom Geruch illegaler Immigration umweht wird wie Estella, verwandeln sich Herr und Frau Amerika in Superman und Mutter Teresa. Unter den Augen erstaunter Mexikaner formieren sich die umstehenden weißen Marktbesucher zu einer Posse, um das Unrecht, das Estella angetan wurde, zu ahnden. In der Hitze der Planung steigt der Wortführer auf eine im Kreis herumirrende Plüschente, was die Tonlage von Estellas Geheul um eine weitere Oktave steigert. Während die Bürgerwehr ausschwärmt, um die Spur der Elektroterroristen aufzunehmen, kommt es nicht weit entfernt in einem Hausdurchgang zu einem harmlosen Zusammenstoß des führenden Elektrorollers mit einem Wasserbehälter, den ein achtloser Putzmann mit Hilfe einer Mopstange vor sich herschiebt. Der Kübel stößt an einen Caféhaus-Sessel, das restliche Wasser schwappt von hinten über die Unterschenkel eines jungen Gesackelten. Der Gesackelte springt auf wie von der Tarantel gebissen, hebt dabei den runden Aluminiumtisch aus. Die im engen Kreis sitzenden, ebenfalls gesackelten Kollegen finden sich im Mittelpunkt eines vom Geräusch fallender Tassen begleiteten Café-Schüttbilds. Angesichts des Tumults im engen Durchgang dreht die E-Partie wieselflink um und strebt unter intensivem Beschuss diverser Caféhaus-Utensilien geräuschlos dem anderen Ausgang zu. Gerade rechtzeitig, um die in einiger Entfernung herannahende Estella-Posse zu verschärftem Laufschritt zu animieren. „Festhalten, festnehmen, niederhauen!"-Schreie hallen durch die Gasse. Verfolger und Neugierige sind auf stattliche Anzahl angewachsen. Ein Tuchgeschäft wird dem Schlusslicht der E-Partie zum Verhängnis: Der Vordermann reißt beim Durchfahren einen als Eingang dienenden Vorhang herunter, der Stoff verfängt sich zwischen Vorderreifen und Kotflügel des Nachfahrenden. Wenigstens hat der derart unglücklich Ausgeschiedene genügend Zeit, sich unbehelligt davonzumachen. Als er zu Hause eintrifft, steht der Streifenwagen schon vor der Türe. Die Geschichte wird in einem lokalen Radiosender breitgetreten. Es stellt sich heraus, dass die Mitglieder der Free Bees 16- und 17-jährige Schüler sind, die nach Vorbild der Hells Angels Mutproben für die Beförderung vom Prospect zum Full Member durchführen. Diese Mutproben bestehen entweder aus Rennen oder aus dem Befahren besonders gesicherter Immobilien wie zum Beispiel Hotels, Einkaufszentren oder dem Rathaus. Neben Präsident, Schatzmeister und Road Captain gibt es bei den Free Bees die Position des für Tuning und Wartung zuständigen „Batteriebeauftragten" (Battery Delegate). Trotz der Apokalypse im Modeviertel sind die Free Bees nach wie vor eine erlaubte Organisation in der Engelsstadt ... ![]() ![]() |